Alles über Tartarovs Konzert
11. Hannes Kellers Märchen vom Tartarov (russischem)

In jeder Zeitepoche dominieren einige wenige, grosse Künstler die Geschichte und das öffentliche Kunstgeschehen. Es gibt jedoch immer Künstler grössten Ranges, welche abseits der Schlagzeilen Vollendung errungen haben.

Das Konzertleben der Solisten ist heute mehr denn je durch bedenkliche, kunstfeindliche Aspekte belastet. Die Solisten leben in der Hast weltweiter Reisen, in anonymen Hotelzimmern, in keimfreien Luxus-Restaurants - in einer Welt, in der Geld, Ruhm und Gesellschaft zählen. Der Auftritt vor einem namenlosen Riesenpublikum bedeutet eine Überwindung. Das Lesen der Konzertkritiken zeigt, dass es den Kritikern vor allem um handwerkliche und wissenschaftliche Präzision geht. Nur sehr robuste Persönlichkeiten können als Solisten wirkliche Künstler bleiben. Dazu kommt die Programm-Vorplanung, die einen Pianisten beispielsweise zwei, drei Jahre im voraus verpflichtet, an einem festgesetzten Datum z.B. das Schumann-Konzert zu spielen. Wehe dem Künstler, dem man an diesem Tage dann Empfindungslosigkeit nachsagt!

Viele Solisten versuchen unter diesem Druck das Konzertgeschehen zu verändern und dessen Rahmen zu sprengen. Friedrich Gulda spielt grundsätzlich in seinem berühmten blauen Sonntagsanzug und legt oft erst auf der Bühne sein Programm fest. Arthur Rubinstein erzählt mit Schrecken von jenem Abend, als er sich erlaubte, anstelle der angekündigten «Appassionata» ein anderes Werk zu spielen. Eduard Erdmann verspürte nach einem Beethoven-Abend die unbändige Lust, die Spannung durch eine Jazz-Zugabe aufzulockern. Der entsprechende Konzertsaal in einer grossen Schweizer Stadt wurde ihm für Jahre versperrt. Einer der legendärsten Pianisten des Jahrhunderts, Vladimir Horowitz, genoss einige Jahre Ruhm und den Reichtum einer beispiellosen Solisten-Karriere, zog sich dann aber plötzlich aus dem Konzertleben zurück - wir vermuten, weil er die offenbare Bedrohung seiner künstlerischen Persönlichkeit befürchtete.

Einige grosse Künstler haben es vorgezogen, beinahe völlig unbekannt ihrer Kunst zu leben. Einigen unter ihnen ist öffentliche Anerkennung und Ruhm nicht nur gleichgültig, sondern gar verdächtig und zuwider. Wer Gelegenheit hat, einem dieser Künstler zu begegnen, geniesst ein umwerfendes Erlebnis, wie zum Beispiel die völlig revolutionäre und bis in die letzten Fasern vitale Gestaltung eines Beethoven-Konzertes. Demselben Konzert, mit dem weltberühmte Spezialisten umherreisen, ohne jemals einen originellen Gedanken zu produzieren. Wer kennt Simone Barere, einen der grössten Liszt-Interpreten, oder Gorodnitzky, dessen Brahms-Interpretationen ihresgleichen suchen? Wem sind Poldi Mildner, Egon Petri und Max Egger - um nur von Pianisten zu reden - bekannt? Arturo Michelangeli war lange Zeit nur wenigen Eingeweihten bekannt, obwohl schon 1939 Alfred Cortot von ihm sagte: «Voilà, le deuxième Liszt!» Alicia de Larocha, ein Klavierphänomen in der Grössenordnung eines Rachmaninoff oder eines Horowitz, ist sozusagen unbekannt. Wer sie aber einmal gehört hat, misst fortan Klavierspiel mit neuen Massstäben. Eine der unerhörtesten Klavierbegabungen unserer Zeit ist praktisch unbekannt: Antonei Sergejvitch Tartarov, gebürtiger Georgier, jetzt 32 Jahre alt.

Seine Geschichte ist ungewöhnlich: Im Jahre 1942 desertierte der an die Ostfront eingezogene deutsche Pianist Kaspar Rosen. Er fand Unterschlupf bei einer jüdischen Familie auf einem Bauernhof bei Rozovka in der Ukraine. Auf dem Gutshof gab es noch einen Flügel aus der Feudalzeit. Auf diesem Gut begegnete Rosen einem Jungen, der auf diesem Flügel improvisierte. Der Junge war stumm und versuchte, sich auf dem Instrument auszudrücken. Rosen war fasziniert. Was sich offenbarte, war eine unorganisierte Klangwelt von elementarer Ausdruckskraft, Ausbrüche durchsetzt mit Lyrismen, eine Art Mischung von Schumann, Skrjabin und Prokofieff. Wohl war die Technik unbeholfen, doch bediente sich der Junge grifftechnischer Kniffe, wie man sie bis anhin noch nie gesehen hatte. Dazu kam eine verwirrende Oktav-Technik. Kaspar Rosen reparierte und stimmte den Flügel einigermassen und spielte darauf einige Stücke von Bach und Chopin. Der Junge wurde durch diese Art von Musik, von deren Existenz er nichts geahnt hatte, aufgewühlt. Dies war die Musik, welche er auszudrücken versucht hatte! Kaspar Rosen begann, den Jungen systematisch zu unterrichten. Dieser machte grosse Fortschritte - die Stummheit des Jungen und die mangelhaften Russisch-Kenntnisse Rosens stellten kaum Probleme. Technische Schwierigkeiten gab es für den Jungen kaum, seine Finger waren von Natur aus gleichzeitig stark und gelockert. Das Sprechen mit Tönen war für ihn selbstverständlich, weil unmittelbar in einer menschlichen Aussage begründet. Es gab aber eine scharfe Unterscheidung zwischen Werken, welche ihn berührten und anderen, die er weder spielen wollte, noch konnte.

Der Bauernjunge Antonei Sergejvitch Tartarov entwickelte sich zu einem Pianisten von ungewöhnlichem Format. Ein russischer Musiker «entdeckte» ihn und mit ihm zusammen emigrierte er über Ungarn und Österreich nach Paris.

Heute lebt er in einer kleinen Wohnung in der Nähe von Paris und widmet sich ausschliesslich der Vervollkommnung seiner Musik. Von Zeit zu Zeit spielt er für seine Freunde, welche ihn unterstützen. Diese Abende bezeichnet er aber nicht als Konzerte, ist doch die Musik für ihn etwas derart Intimes und so subtil Balanciertes, dass er daraus in keinem Falle Schaustellerei machen würde.

Sein Kunstbegriff ist nicht durch das romantische Ideal geprägt - dazu ist er viel zu sehr Slawe. Seine Musik empfindet er nicht als Brückenschlag ins Jenseits, sondern als das, was sie dem Zigeuner bedeutet: Sprache für das Unaussprechbare. (Bei Tartarov aber im totalen Sinne). Für ihn ist das Wesentliche beim Klavierspielen: aus den Phrasen verständliche Worte zu schaffen, welche mühelos und spontan verständlich einen Sinn ergeben. Tartarov will nicht Musik für Konservatoriums-Prüfungen und Kritiker spielen - er will sprechen. Sein Klavierklang ist so, wie man sich aufgrund seiner persönlichen Erscheinung seine Stimme vorstellen müsste - ein klarer, starker Klavierton, ohne Hang zu Klangzauberei. Das Klavier ist für Tartarov kein «kleines Orchester» - die anschlagstechnischen Nuancierungen gebraucht er vorsichtig. Sein Spiel ist ungefähr das Gegenteil des Spieles von Shura Cherkassky; in seiner Grundhaltung entspricht es am ehesten dem von Arthur Schnabel. Faszinierend und bezeichnend ist die Art, wie Tartarov Skrjabin spielt. Die Zauberei der Harmonik wird sparsam, aber ungeheuer wirkungsvoll ausgespielt, wobei die verwirrend durcheinanderlaufenden Linien Ton für Ton hörbar sind.
<< letzte Seite | nächste Seite >>                                                                                      Seite: 1 ... 7 | 8 | 9 ... 14