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In
jeder
Zeitepoche dominieren einige wenige, grosse
Künstler die Geschichte und das öffentliche
Kunstgeschehen.
Es gibt jedoch
immer Künstler grössten Ranges, welche abseits der
Schlagzeilen Vollendung
errungen haben.
Das
Konzertleben der Solisten ist heute mehr denn je
durch bedenkliche, kunstfeindliche Aspekte belastet. Die Solisten leben
in der
Hast weltweiter Reisen, in anonymen Hotelzimmern, in keimfreien
Luxus-Restaurants - in einer Welt, in der Geld, Ruhm und Gesellschaft
zählen.
Der Auftritt vor einem namenlosen Riesenpublikum bedeutet eine
Überwindung. Das
Lesen der Konzertkritiken zeigt, dass es den Kritikern vor allem um
handwerkliche
und wissenschaftliche Präzision geht. Nur sehr robuste
Persönlichkeiten können
als Solisten wirkliche Künstler bleiben. Dazu kommt die
Programm-Vorplanung,
die einen Pianisten beispielsweise zwei, drei Jahre im voraus
verpflichtet, an
einem festgesetzten Datum z.B. das Schumann-Konzert zu spielen. Wehe
dem
Künstler, dem man an diesem Tage dann Empfindungslosigkeit
nachsagt!
Viele
Solisten versuchen unter diesem Druck das
Konzertgeschehen zu verändern und dessen Rahmen zu sprengen.
Friedrich Gulda
spielt grundsätzlich in seinem berühmten blauen
Sonntagsanzug
und legt oft erst
auf der Bühne sein Programm fest. Arthur Rubinstein
erzählt
mit Schrecken von
jenem Abend, als er sich erlaubte, anstelle der angekündigten
«Appassionata»
ein anderes Werk zu spielen. Eduard Erdmann verspürte nach
einem
Beethoven-Abend die unbändige Lust, die Spannung durch eine
Jazz-Zugabe
aufzulockern. Der entsprechende Konzertsaal in einer grossen Schweizer
Stadt
wurde ihm für Jahre versperrt. Einer der legendärsten
Pianisten des
Jahrhunderts, Vladimir Horowitz, genoss einige Jahre Ruhm und den
Reichtum
einer beispiellosen Solisten-Karriere, zog sich dann aber
plötzlich aus dem
Konzertleben zurück - wir vermuten, weil er die offenbare
Bedrohung seiner
künstlerischen Persönlichkeit befürchtete.
Einige
grosse Künstler haben es vorgezogen, beinahe
völlig unbekannt ihrer Kunst zu leben. Einigen unter ihnen ist
öffentliche
Anerkennung und Ruhm nicht nur gleichgültig, sondern gar
verdächtig und
zuwider. Wer Gelegenheit hat, einem dieser Künstler zu
begegnen,
geniesst ein
umwerfendes Erlebnis, wie zum Beispiel die völlig
revolutionäre und bis in die
letzten Fasern vitale Gestaltung eines Beethoven-Konzertes. Demselben
Konzert,
mit dem weltberühmte Spezialisten umherreisen, ohne jemals
einen
originellen
Gedanken zu produzieren. Wer kennt Simone Barere, einen der
grössten
Liszt-Interpreten, oder Gorodnitzky, dessen Brahms-Interpretationen
ihresgleichen suchen? Wem sind Poldi Mildner, Egon Petri und Max Egger
- um nur
von Pianisten zu reden - bekannt? Arturo Michelangeli war lange Zeit
nur
wenigen Eingeweihten bekannt, obwohl schon 1939 Alfred Cortot von ihm
sagte:
«Voilà, le deuxième Liszt!»
Alicia de
Larocha, ein Klavierphänomen in der
Grössenordnung eines Rachmaninoff oder eines Horowitz, ist
sozusagen unbekannt.
Wer sie aber einmal gehört hat, misst fortan Klavierspiel mit
neuen Massstäben.
Eine der unerhörtesten Klavierbegabungen unserer Zeit ist
praktisch unbekannt:
Antonei Sergejvitch Tartarov, gebürtiger Georgier, jetzt 32
Jahre
alt.
Seine
Geschichte ist ungewöhnlich: Im Jahre 1942
desertierte der an die Ostfront eingezogene deutsche Pianist Kaspar
Rosen. Er
fand Unterschlupf bei einer jüdischen Familie auf einem
Bauernhof
bei Rozovka
in der Ukraine. Auf dem Gutshof gab es noch einen Flügel aus
der
Feudalzeit.
Auf diesem Gut begegnete Rosen einem Jungen, der auf diesem
Flügel
improvisierte. Der Junge war stumm und versuchte, sich auf dem
Instrument
auszudrücken. Rosen war fasziniert. Was sich offenbarte, war
eine
unorganisierte Klangwelt von elementarer Ausdruckskraft,
Ausbrüche
durchsetzt
mit Lyrismen, eine Art Mischung von Schumann, Skrjabin und Prokofieff.
Wohl war
die Technik unbeholfen, doch bediente sich der Junge grifftechnischer
Kniffe,
wie man sie bis anhin noch nie gesehen hatte. Dazu kam eine verwirrende
Oktav-Technik. Kaspar Rosen reparierte und stimmte den Flügel
einigermassen und
spielte darauf einige Stücke von Bach und Chopin. Der Junge
wurde
durch diese
Art von Musik, von deren Existenz er nichts geahnt hatte,
aufgewühlt. Dies war
die Musik, welche er auszudrücken versucht hatte! Kaspar Rosen
begann, den
Jungen systematisch zu unterrichten. Dieser machte grosse Fortschritte
- die
Stummheit des Jungen und die mangelhaften Russisch-Kenntnisse Rosens
stellten
kaum Probleme. Technische Schwierigkeiten gab es für den
Jungen
kaum, seine
Finger waren von Natur aus gleichzeitig stark und gelockert. Das
Sprechen mit
Tönen war für ihn selbstverständlich, weil
unmittelbar
in einer menschlichen
Aussage begründet. Es gab aber eine scharfe Unterscheidung
zwischen Werken,
welche ihn berührten und anderen, die er weder spielen wollte,
noch konnte.
Der
Bauernjunge Antonei Sergejvitch Tartarov entwickelte
sich zu einem Pianisten von ungewöhnlichem Format. Ein
russischer
Musiker
«entdeckte» ihn und mit ihm zusammen emigrierte er
über Ungarn und Österreich
nach Paris.
Heute
lebt er in einer kleinen Wohnung in der Nähe von
Paris und widmet sich ausschliesslich der Vervollkommnung seiner Musik.
Von
Zeit zu Zeit spielt er für seine Freunde, welche ihn
unterstützen. Diese Abende
bezeichnet er aber nicht als Konzerte, ist doch die Musik für
ihn
etwas derart
Intimes und so subtil Balanciertes, dass er daraus in keinem Falle
Schaustellerei machen würde.
Sein
Kunstbegriff ist nicht durch das romantische Ideal
geprägt - dazu ist er viel zu sehr Slawe. Seine Musik
empfindet er
nicht als
Brückenschlag ins Jenseits, sondern als das, was sie dem
Zigeuner
bedeutet:
Sprache für das Unaussprechbare. (Bei Tartarov aber im totalen
Sinne). Für ihn
ist das Wesentliche beim Klavierspielen: aus den Phrasen
verständliche Worte zu
schaffen, welche mühelos und spontan verständlich
einen Sinn
ergeben. Tartarov
will nicht Musik für Konservatoriums-Prüfungen und
Kritiker
spielen - er will
sprechen. Sein Klavierklang ist so, wie man sich aufgrund seiner
persönlichen
Erscheinung seine Stimme vorstellen müsste - ein klarer,
starker
Klavierton,
ohne Hang zu Klangzauberei. Das Klavier ist für Tartarov kein
«kleines
Orchester» - die anschlagstechnischen Nuancierungen gebraucht
er
vorsichtig.
Sein Spiel ist ungefähr das Gegenteil des Spieles von Shura
Cherkassky; in
seiner Grundhaltung entspricht es am ehesten dem von Arthur Schnabel.
Faszinierend und bezeichnend ist die Art, wie Tartarov Skrjabin spielt.
Die
Zauberei der Harmonik wird sparsam, aber ungeheuer wirkungsvoll
ausgespielt,
wobei die verwirrend durcheinanderlaufenden Linien Ton für Ton
hörbar sind.
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