|
Letztes
Jahr ist Tartarov ein Erlebnis zugestossen,
welches sein Leben grundlegend veränderte. Durch eine
besondere
Verkettung von
Umständen fand er Zugang zu bedeutenden, unbekannten Werken.
In
Paris
lebt ein achtzigjähriger Baron, Abkömmling eines
alten, slawischen Geschlechtes. Der misanthropische Baron mutet an wie
eine
Figur von Balzac. Er haust in einer Mansarde, umgeben von seinen
Besitztümern;
unter anderem befindet sich darunter ein Koffer mit alten
Musik-Manuskripten.
Diese Manuskripte hat er von seiner Mutter geerbt, welche
früher
ebenfalls in
Paris gelebt hatte und die Geliebte verschiedener damaliger
Künstler gewesen
war. Diese Manuskripte sind zum Teil wertvoll. Der Baron hat jedoch
bestimmt,
dass sie nach seinem Tode verbrannt werden. Glücklicherweise
konnte er durch
einige Bekannte davon überzeugt werden, die Werke wenigstens
einmal in seinem
Leben anzuhören, insbesondere weil sich darunter die fast
vollständige Skizze
einer Beethoven-Sonate befindet. Im August 1967 fand ein historisches
Ereignis
statt. Tartarov wurde durch Freunde zum Baron geführt. In
dessen
Mansarde war
ein Mietklavier aufgestellt worden. Der Baron wollte unter gar keinen
Umständen
sein Refugium mit seinen Schätzen verlassen. Tartarov sichtete
die
Manuskripte
und fand unter vielen wertlosen Sachen die Abschrift eines unbekannten
Rondos
von Mozart, ein Manuskript, welches anscheinend von Beethoven stammte,
sowohl
als auch eine Studie von Liszt. Nach einigen Stunden eingehenden
Studiums
spielte er die Werke dem Baron vor - daraufhin eilte er nach Hause, um
sie zu
rekonstruieren.
Er
ist
überzeugt davon, einen grossen Fund gemacht zu
haben. Das Mozart-Werk ist zweifellos echt, der Stil ist unverkennbar.
Es
dürfte sich um eine kleine Gelegenheitsarbeit handeln, welche
etwa
1783
entstanden ist. Die Beethoven-Sonate ist nur als Fragment vorhanden,
gehört aber
stilmässig zu den letzten drei Sonaten. Fraglich ist; ob sie
vor-
oder nachher
geschrieben wurde. Es deutet alles darauf hin, dass Beethoven mit
diesem Werk
eine «letzte, grosse Aussage» machen wollte. Wie
gewöhnlich war das Manuskript
stark überarbeitet, und offenbar war die Arbeit noch nicht zur
endgültigen Form
gediehen. Trotzdem ist es ein Werk von gewaltiger Aussagekraft, und
gerade die
noch vorkommenden Unvollkommenheiten sind erschütternd.
Tartarov
hat seine
Rekonstruktion einem englischen Beethoven-Forscher zur
Verfügung
gestellt. Laut
Meinung dieses Forschers ist es nicht unmöglich, dass hier
eine
neue
Beethoven-Sonate entdeckt wurde; er will aber seine Analyse
abschliessen, bevor
er damit an die Musikwelt gelangt. Bei der Liszt-Phantasie handelt es
sich um
eine Vorstudie zum Orchesterwerk «Les
préludes».
Liszt hat verschiedene
Klavierwerke, insbesondere sehr virtuose Phantasien geschrieben, welche
er nie
veröffentlichte, sondern höchstens hie und da selber
spielte.
Statt diese
Vorstudie weiter als Klavierkomposition auszubauen, schuf er dann das
berühmte
Orchesterwerk. Die Phantasie zeigt aber in interessanter Weise das
improvisatorische Können Liszts. Sie wird nun
veröffentlicht
und zweifellos
ihren Weg in die Konzertsäle finden, insbesondere darum, weil
die
häufigsten
Pianisten über das notwendige, technische Rüstzeug
zum
Spielen solcher Werke
verfügen.
Wie
wir
bereits erwähnten, bildeten diese Entdeckungen
einen grossen Wendepunkt in Tartarovs Leben. Der Cellist, mit dem er
seinerzeit
aus Russland emigrierte, sowie seine Freunde und Gönner
ermunterten ihn dazu,
diese von ihm rekonstruierten Werke an die Öffentlichkeit zu
bringen.
Ein
Schweizer Geschäftsmann, welcher eine Anzahl von
Künstlern unterstützt und der ein enger Freund
Tartarovs ist,
hat nun dieses
historische Konzert in Zürich organisiert.
Arno
Fischer
|
|